Namen für das Unsagbare
Bulletin des Médecins Suisses October 17, 2001 DOI: 10.4414/saez.2001.08502 (opens in new tab)
Study at a glance
AI-extracted from the abstract| Characteristics | Peer reviewed |
|---|---|
| Key points | The text argues that pioneers and outsiders in magical and spiritual healing traditions borrow the vocabulary of established intellectual frameworks of their time to gain recognition, as illustrated by Eduard Renner's ethnological perspective and Carlos Castaneda's apprenticeship, and that describing the magical or mystical is difficult because extraordinary events must first find a language. |
Abstract
Der 1952 verstorbene Landarzt Eduard Renner hat in seinem Buch «Goldener Ring über Uri» das magische Denken der Urner Bergler beschrieben.Ihm war diese Welt nicht Aberglaube, sondern letzter Zeuge eines uralten, faszinierenden Weltbildes.Bergkristalle, Pflanzen, Tiere und Menschen verändern ihre Form, verschwinden und sind plötzlich wieder da, oder sind es gleichzeitig an verschiedenen Orten.Nichts bewahrt den dauernden und festen Umriss, Raum und Zeit sind kein verlässlicher Grund.Zwanzig Jahre später wurde der Anthropologe Carlos Castaneda zum Kultbuchautor einer Generation, die in den magischen Praktiken eines mexikanischen Zauberers ihre Gegenwelt suchte.Psychedelische Experimente mit LSD und anderen bewusstseinsverändernden Drogen haben seither einen Platz in der Medizin.Das Magische oder Mystische zu beschreiben ist schwierig.Denn aussergewöhnliche Vorgänge müssen erst eine Sprache finden.Renner hatte eine ethnologische Perspektive.Er konnte und wollte bei allem Respekt nie so sein wie seine Patienten.Er gab mit seinen Worten wieder, was er sah und hörte.Castaneda war hingegen ein Lehrling.Er wollte so werden wie sein Meister und übernahm dessen Sprache und Kultur.Pioniere und Aussenseiter, die um Anerkennung kämpfen, borgen sich ihr Vokabular beim etablierten «Überbau» ihrer Zeit.Der historische Rückblick macht dies bei den geistigen Heilmethoden besonders deutlich.Diese waren oder sind bis heute exorzistisch, messmerisch-heilmagnetisch, vitalistisch, anthroposophisch, esoterisch, tiefenpsychologisch, ethnomedizinisch, kybernetisch oder physikalisch-energetisch begründet.Die ausgeliehene Sprache wärmt sich an der Autorität des anerkannten Faches, ein oft willkommener Nebeneffekt.Der Redner im vollen St. Katharinensaal in St. Gallen wurde von der Schweizer Parapsychologischen Gesellschaft eingeladen.Er soll über das geistig-energetische Heilen sprechen, über neue Erkenntnisse der Wissenschaft.Er arbeitet seit Jahren mit einer Heilerin, die über die Körperberührung einen unerklärlichen Zugang zu den vergessenen und verdrängten Erlebnissen der Patientinnen und Patienten hat.Sie spürt traumatische Ereignisse, die sich bei ihr zu Bildern verdichten oder sie zu ungewohnten Handlungen veranlassen, die den Schlüssel zum Verständnis liefern.Fallbeispiele wechseln mit Er-